PFAS Ewigkeitschemikalien: Rezension Die Vergiftung der Welt

PFAS, Industriegeschichte und die Grenzen des Umweltrechts
Mit dem Buch „Die Vergiftung der Welt“ legt die amerikanische Investigativjournalistin Mariah Blake eine eindringliche Darstellung eines der größten Umweltprobleme unserer Zeit vor. Die deutsche Ausgabe ist kürzlich im oekom Verlag erschienen und widmet sich der Stoffgruppe der sogenannten PFAS Chemikalien, die mittlerweile weltweit in Umwelt, Trinkwasser und sogar im menschlichen Blut nachweisbar sind.
Das Buch ist journalistisch geschrieben, hat aber eine deutliche Relevanz für das Umweltrecht, das Schadstoffrecht und die Regulierung von Industriechemikalien. Es zeigt exemplarisch, wie lange es dauern kann, bis aus wissenschaftlichen Erkenntnissen regulatorische Maßnahmen und rechtliche Konsequenzen entstehen.
Gerade für Praktiker im Bereich Gebäudeschadstoffe, Umweltkontamination und Altlastenrecht ist diese Entwicklung von erheblicher Bedeutung.
PFAS, sogenannte „Ewigkeitschemikalien“
PFAS steht für Per- und Polyfluoralkylsubstanzen. Es handelt sich um eine große Gruppe synthetischer Chemikalien, die seit den 1950er Jahren industriell eingesetzt werden.
Ihre Besonderheit liegt in einer extrem stabilen chemischen Bindung zwischen Kohlenstoff und Fluor. Diese verleiht den Stoffen Eigenschaften, die sie für zahlreiche industrielle Anwendungen attraktiv machen:
- wasserabweisende Beschichtungen
- fettabweisende Verpackungen
- Outdoor-Textilien
- Feuerlöschschäume
- Antihaftbeschichtungen von Kochgeschirr
Das bekannteste Beispiel ist das von DuPont entwickelte Produkt Teflon.
Die gleiche Stabilität, die PFAS technisch so interessant macht, ist zugleich ihr größtes Problem. Die Stoffe bauen sich in der Umwelt praktisch nicht ab. Deshalb werden sie häufig als Ewigkeitschemikalien bezeichnet.
Viele PFAS reichern sich zudem im menschlichen Körper an und stehen im Verdacht, Krebs, hormonelle Störungen und andere chronische Erkrankungen zu begünstigen.
Damit gehören PFAS zunehmend zu den Schadstoffen, die auch im Kontext von Umweltbelastungen, Altlasten und langfristigen Gebäudeschadstoffproblemen diskutiert werden.
Zwei Erzählstränge des Buches
Die Autorin erzählt die Geschichte der PFAS nicht als abstrakte Chemikaliengeschichte, sondern anhand zweier miteinander verwobener Handlungsstränge.
Der Bürgeraktivist aus Hoosick Falls
Der erste Handlungsstrang spielt in der Kleinstadt Hoosick Falls im Bundesstaat New York.
Im Zentrum steht der Versicherungsvertreter Michael Hickey. Nachdem sein Vater an Krebs gestorben war und auch andere Menschen in seinem Umfeld schwer erkrankten, begann Hickey, das Trinkwasser seiner Heimatstadt untersuchen zu lassen.
Die Ergebnisse waren alarmierend. Das Trinkwasser war massiv mit PFAS belastet.
Was folgt, ist eine klassische Geschichte moderner Umweltkonflikte:
- Unternehmen bestreiten Verantwortung
- Behörden reagieren zunächst zurückhaltend
- betroffene Bürger kämpfen um Aufmerksamkeit
- intensive Lobbyarbeit der Industrie verzögert politische Maßnahmen
- erst nach vielen Jahren entstehen juristische Konsequenzen
Hickey wird zu einer zentralen Figur im Kampf um Aufklärung, Regulierung und Entschädigung.
Die Industriegeschichte von Teflon
Parallel dazu schildert Blake die industrielle Entwicklung der PFAS-Produktion.
Ein zentraler Schauplatz ist ein Werk von DuPont in Deepwater im Bundesstaat New Jersey. Dort wurde über Jahrzehnte hinweg die Herstellung von Teflon entwickelt und perfektioniert.
Bei der Produktion wurde unter anderem die PFAS-Substanz PFOA eingesetzt.
Die von Blake beschriebenen Konflikte betreffen insbesondere sogenannte langkettige PFAS, die sich stark im menschlichen Körper anreichern und mit gesundheitlichen Schäden in Verbindung gebracht werden.
Ersatzstoffe - ein neues Problem?
Die Regulierung langkettiger PFAS hat dazu geführt, dass die Industrie inzwischen zahlreiche Ersatzstoffe entwickelt hat.
Dabei handelt es sich häufig um kurzkettige PFAS oder andere fluorierte Verbindungen.
Ein häufig diskutiertes Beispiel ist Trifluoressigsäure (TFA). Diese Substanz kommt unter anderem in Pestiziden vor und ist mittlerweile auch im deutschen Leitungswasser weit verbreitet.
Eine von der Autorin zitierte Studie aus dem Jahr 2022 kommt zu dem Ergebnis, dass der Anteil von TFA an den PFAS-Verbindungen im deutschen Trinkwasser bei etwa 90 Prozent liegt.
Hier zeigt sich ein grundlegendes Problem der Chemikalienregulierung. Ersatzstoffe sind häufig:
- deutlich mobiler
- extrem persistent
- langfristig schwer kontrollierbar
In der wissenschaftlichen Diskussion wird zunehmend angenommen, dass diese Stoffe ebenfalls erhebliche Umweltprobleme verursachen können.
Damit droht ein Muster, das aus der Geschichte vieler Gebäudeschadstoffe wie Asbest, PCB oder Holzschutzmitteln bekannt ist: Die Regulierung einzelner Stoffe führt zur Einführung neuer Chemikalien, deren Risiken erst Jahre später erkannt werden.
Der extrem lange Weg der Regulierung
Ein zentrales Thema des Buches ist die Dauer regulatorischer Prozesse.
Zwischen ersten wissenschaftlichen Hinweisen auf Risiken und ernsthaften regulatorischen Maßnahmen liegen teilweise mehrere Jahrzehnte.
Die Gründe sind vielfältig:
- unzureichende Chemikalienregulierung
- wirtschaftliche Interessen
- Lobbyarbeit der Industrie
- wissenschaftliche Unsicherheiten
- die enorme Zahl unterschiedlicher PFAS-Verbindungen
Gerade aus Sicht des Umweltrechts zeigt sich hier ein strukturelles Problem moderner Schadstoffpolitik.
Maßnahmen der Europäischen Union
Auch die Europäische Union hat inzwischen auf die PFAS-Problematik reagiert.
Mehrere PFAS-Verbindungen, insbesondere PFOA und PFOS, wurden im Rahmen der europäischen Chemikalienregulierung beschränkt oder verboten.
Rechtsgrundlagen sind insbesondere:
- die REACH-Verordnung
- die EU-Trinkwasserrichtlinie (EU) 2020/2184
Die Trinkwasserrichtlinie enthält erstmals europaweite Grenzwerte für PFAS.
Sie sieht unter anderem vor:
- einen Grenzwert für ausgewählte PFAS-Substanzen
- einen zusätzlichen Grenzwert für die Gesamtheit aller PFAS-Verbindungen
Darüber hinaus wird derzeit auf europäischer Ebene eine umfassende Gruppenbeschränkung für PFAS diskutiert.
Das Prinzip der unverzichtbaren Anwendung
In der europäischen Regulierung spielt zunehmend das Konzept der „unverzichtbaren Anwendung“ (essential use) eine Rolle.
Dieses Prinzip besagt vereinfacht:
PFAS sollen nur noch dort eingesetzt werden dürfen, wo ihre Verwendung technisch unverzichtbar ist und keine praktikablen Alternativen existieren.
Als mögliche unverzichtbare Anwendungen gelten beispielsweise:
- bestimmte medizinische Technologien
- spezialisierte industrielle Prozesse
- sicherheitsrelevante technische Anwendungen
Für viele Konsumprodukte, etwa Outdoor-Textilien oder Lebensmittelverpackungen, wird hingegen zunehmend argumentiert, dass PFAS nicht notwendig sind.
Enttäuschend geringe Entschädigungen
Aus juristischer Sicht hinterlässt ein Aspekt der Geschichte einen besonders bitteren Eindruck.
Die Entschädigungen für Betroffene erscheinen häufig erstaunlich gering.
Selbst im US-amerikanischen Rechtssystem, das als klagefreundlich gilt, bewegen sich Schadensersatzbeträge für viele Betroffene teilweise nur im unteren fünfstelligen Bereich.
Gemessen an:
- gesundheitlichen Risiken
- jahrzehntelanger Umweltbelastung
- enormen wirtschaftlichen Gewinnen der Industrie
wirkt diese finanzielle Kompensation vielfach unzureichend.
Gerade bei großflächigen Umweltkontaminationen wie PFAS-Belastungen von Trinkwasser, Böden oder landwirtschaftlichen Flächen zeigt sich, dass das Haftungsrecht mit der Dimension moderner Schadstoffprobleme nur schwer Schritt halten kann.
PFAS als Problem auch in Deutschland
PFAS sind längst kein ausschließlich amerikanisches Problem.
Auch in Deutschland wurden in den vergangenen Jahren erhebliche Kontaminationen festgestellt.
Die rechtlichen Folgen betreffen insbesondere:
- Bodenschutzrecht
- Wasserrecht
- Altlastensanierungen
- mögliche zivilrechtliche Schadensersatzansprüche
In der deutschen Rechtsprechung existieren inzwischen mehrere verwaltungsgerichtliche Entscheidungen zu PFAS-Belastungen.
Diese betreffen insbesondere:
- Sanierungsanordnungen gegenüber Verantwortlichen
- Kostenverteilung bei Altlasten
- Nutzungsbeschränkungen für belastete Grundstücke
Eine grundlegende höchstrichterliche Leitentscheidung speziell zu PFAS existiert bislang jedoch noch nicht.
Bewertung des Buches
Qualität der Autorin
Mariah Blake ist eine erfahrene Investigativjournalistin. Das zeigt sich auch in diesem Buch.
Die Recherche stützt sich auf:
- Interviews
- wissenschaftliche Studien
- Gerichtsakten
- interne Unternehmensdokumente
Der Text vermittelt daher insgesamt einen gut recherchierten und faktenreichen Eindruck.
Schreibstil
Der Stil ist journalistisch und erzählerisch geprägt.
Die Autorin arbeitet stark mit persönlichen Geschichten und konkreten Schauplätzen. Dadurch bleibt die Darstellung auch für Leser ohne chemisches oder juristisches Vorwissen gut verständlich.
Teilweise führt diese narrative Herangehensweise allerdings dazu, dass komplexe regulatorische Zusammenhänge eher angedeutet als systematisch analysiert werden.
Kritische Würdigung
Trotz dieser Einschränkung ist das Buch insgesamt überzeugend.
Es handelt sich nicht um eine wissenschaftliche Monographie über PFAS, sondern um eine investigative Reportage über ein globales Umweltproblem.
In diesem Rahmen erfüllt das Buch seine Aufgabe sehr überzeugend.
Fazit
„Die Vergiftung der Welt“ ist ein wichtiges und lesenswertes Buch über die Entstehung eines globalen Schadstoffproblems.
Für Juristen, Umweltrechtler und Praktiker im Bereich Gebäudeschadstoffe, Umweltkontamination und Altlastenrecht zeigt das Buch eindrucksvoll, wie lange es dauern kann, bis wissenschaftliche Erkenntnisse zu rechtlichen Konsequenzen führen.
Der Betreiber dieses Blogs ist der Auffassung, dass PFAS möglicherweise die nächste große Schadstoffproblematik darstellen könnten, vergleichbar mit den Folgen von Asbest oder den Holzschutzmittel-Skandalen der 1970er und 1980er Jahre, deren Auswirkungen bis heute sichtbar sind.
Sollte sich diese Einschätzung bestätigen, stehen wir hinsichtlich rechtlicher Auseinandersetzungen über PFAS möglicherweise noch ganz am Anfang.
Kontaktieren Sie uns
Vielen Dank für Ihre Nachricht an die Kanzlei Dr. Elmar Liese. Wir haben Ihr Anliegen erfolgreich erhalten und werden uns in Kürze persönlich bei Ihnen zurückmelden.
Wir freuen uns über Ihr Interesse und bedanken uns für das Vertrauen, das Sie uns entgegenbringen.
Leider konnte Ihre Kontaktanfrage aufgrund eines technischen Problems nicht übermittelt werden. Bitte versuchen Sie es in einigen Minuten erneut oder wenden Sie sich direkt per E-Mail an: "mail@ra-liese.de".
Wir entschuldigen uns für die Unannehmlichkeiten und danken Ihnen für Ihr Verständnis.



